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Detailinfos

WIE DAS GLAS IN ST. VINZENZ UND UMGEBUNG PRODUZIERT WURDE

Rohstoffe

Enorme Waldflächen, die überwiegend im Besitz des Adels und der Klöster standen, überzogen große Gebiete Kärntens und der Steiermark. Für die Grundherrschaften erschienen besonders die Waldungen im Mittelgebirge von Interesse, die durch den Bau einer Glashütte bestens genutzt werden konnten. Somit entwickelte sich die Bergregion der Koralm ab dem beginnenden 17. Jahrhundert zu einem Zentrum der Waldglasproduktion.

Für den Betrieb einer Glashütte war die Versorgung mit den wesentlichen Rohstoffen zur Glasproduktion, Quarz, Kalk und Holz, ausschlaggebend, die in unmittelbarer Nähe zu den Produktionsstätten in ausreichender Menge vorhanden sein mussten, wodurch lange und kostenintensive Transportwege vermieden wurden.

Auf diese Weise entstanden in zusammenhängenden Waldgebieten kleine Siedlungen und Rodungsinseln, die sich auf einer Seehöhe von 1000-1300 m erstreckten und von Familien bewohnt wurden, deren Überleben von der Glasproduktion abhing.

Holz wurde beim Glasschmelzen in großer Menge, einerseits als Heizmaterial, aber vor allem zur Gewinnung der Pottasche, benötigt. Für diesen aufwendigen Prozess musste das Holz in Kohlenmeilern verkohlt und die auf diese Weise gewonnene Holzkohle mit Wasser ausgelaugt werden. Als finaler Schritt folgte die Verdampfung der Flüssigkeit, bis als Ergebnis die Pottasche vorlag, die als Flussmittel die Schmelztemperatur des Quarzsandes im Ofen herabsetzte.

Je nach Art und Beschaffenheit der Glasschmelze waren ein bis drei Festmeter Holz notwendig, um einen Kilogramm Glas zu erzeugen: davon brauchte man lediglich 3-5% für das Heizen der Öfen, der überwiegende Anteil jedoch entfiel auf die Herstellung der Pottasche.

Daher konnte eine Glashütte nur so lange an ein und demselben Ort überleben, bis der Wald im Umkreis abgeholzt und die Hütte gezwungen war zum nächsten geeigneten Standort umzusiedeln. Die abgeholzten Flächen in den Waldgebieten wurden in weiterer Folge in Weideland zur Versorgung der lokalen Bevölkerung umgewandelt.

Die Baustruktur der Glashütten

Die Glashütten lagen als eigenständige Betriebe außerhalb der Dorfsiedlungen oder Güter. Zum einen wegen der bestehenden Feuersgefahr, viel mehr aber aufgrund der Nähe zu den Waldungen, die das Brennholz lieferten.

Auf den Hütten waren durchschnittlich 25 bis 50 Menschen beschäftigt, wobei auch Hilfskräfte aus der Umgebung dazugehörten, die nicht ständig auf der Hütte wohnten. Da die Mehrzahl der Glashütten nur für einen begrenzten Zeitraum in Betrieb stand, wurden die Gebäude zumeist aus Holz erbaut.

So auch das hölzerne Hüttengebäude mit Eckpfeilern aus Stein, das den Glasschmelz- und Kühlofen sowie weitere technische Einrichtungen, beispielsweise einen Streckofen zur Fertigung von Spiegeln- oder Fensterscheiben, aufnahm. Weitere notwendige Gebäude, etwa Lagerschuppen und Wohnungen für die Arbeiter, gruppierten sich in unmittelbarer Nähe der Hütte. Das Haus des Hüttenmeisters, auch als Herren- oder Verwalterhaus bezeichnet, wurde zumeist massiv aus Stein oder Ziegel erbaut. Die Unterkünfte der Arbeiter waren dürftiger, verfügten aber über kleine Gärten und Stallungen zur Eigenversorgung.

Wichtige technische Einrichtungen der Hütte, wie beispielsweise das Pochwerk (ähnlich einer Mühle) oder die Glasschleiferei, wurden direkt an einem ausreichend wasserführenden Bach erbaut, mussten doch sämtliche mechanische Einrichtungen mit Wasserkraft angetrieben werden.

Zur Versorgung einer Glashütte war auch ein großes wirtschaftliches Umfeld notwendig, das aus einer betriebseigenen Meierei, Brauerei und Sennerei bestehen konnte. Außerdem wurden Ställe und Scheunen für die Landwirtschaft errichtet.

Erzeugnisse und Absatz

In den Glashütten des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts wurden neben einfachen, für den täglichen Gebrauch bestimmten Hohlglaswaren (Trinkgeschirr, Glasbehälter, Flaschen usw.) und Tafelglas (Fensterscheiben), auch Luxusgüter wie Spiegel und aufwendig geschliffene und bemalte Gläser hergestellt.

Der Verkauf der Glaswaren erfolgte anfangs eher regional, wobei die zerbrechlichen Produkte gut verpackt mittels Pferdefuhrwerk auf den so genannten „Glasstraßen“ aus dem unwegsamen Gebirge ins Tal befördert wurden. Auch den „Kraxenträgern“, also hausierenden Händlern, kam eine eigene Rolle zu Teil. Mit der fortschreitenden Industrialisierung und dem Aufkommen der Eisenbahn wurden Handelsniederlassungen in größeren Städten gegründet, in deren Händen der Export der Waren innerhalb der Monarchie aber auch in den Mittelmeerraum lag, wobei die Verschiffung über den bedeutsamen Hafen von Triest erfolgte.

Ausgewählte Glashütten der Region St. Vinzenz/Soboth

Die Glashütte auf der Lavamünder Alpe

Die Lokalisierung des Standortes der ältesten Glashütte in der Soboth, der so genannten alten Glashütte auf der Lavamünder Alpe, gelang durch Geländebegehungen des Verfassers. Archäologische Funde, die am ehemaligen Standort der Glashütte nordwestlich von St. Vinzenz am Hiesingbach aufgesammelt wurden, beweisen eindeutig die Lage der Hütte im Bereich der Flur „Schweiz“.

Historisch lässt sich der Baubeginn der Glashütte durch das Stift St. Paul im Lavanttal auf den 4. September 1686 fixieren, wozu sich eine Kostenrechnung erhalten hat, die penibel sämtliche benötigte Baumaterialien auflistet. Als erste Pächter der Hütte traten 1688 Sebastian Zitzmann und Kaspar Job auf, der letzte erhaltene Pachtvertrag aus dem Jahr 1748 wurde zwischen dem Stift St. Paul und Franz Carl Voith abgeschlossen.

Anhand einer Quelle aus dem Jahr 1746 konnte auch der Mitarbeiterstand einer Glashütte dieser Zeit rekonstruiert werden, der sich aus dem Kernbestand von insgesamt neun Spezialisten, darunter der Hüttenmeister, ein Glasmachergeselle, vier Glasmacher, ein Lehrjunge sowie zwei Schürer, zusammensetzte.

Weitere Arbeitskräfte, wie etwa vier Aschenbrenner und ein Holzhacker, gehörten dem Kreis der Rohstofflieferanten der Hütte an. Da zur Glashüttenliegenschaft auch eine Landwirtschaft sowie Wohngebäude zählten, muss noch auf die drei Ochsenknechte, eine Halterdirn sowie zwei Küchengehilfinnen verwiesen werden, womit sich der gesamte Mitarbeiterstand auf der Hütte auf gut 20 Personen belief.

St. Vinzenz/Neue Glashütte/Spiegelfabrik

Die Glashütte St. Vinzenz, später auch Standort der einzigen Spiegelglashütte Kärntens und der Steiermark, wurde als so genannte neue Glashütte im Jahr 1753 durch das Stift St. Paul und Franz Carl Voith als Pächter am Zusammenfluss des Feistritz- und Schwarzenbachs im Talschluss des sogenannten Höllgrabens erbaut.

Das Stiftsarchiv St. Paul im Lavanttal verwahrt einen bedeutenden Fundus an Quellen zur frühen Geschichte der Glashütte, darunter Pachtverträge zwischen dem Stift und der Familie Voith als Pächter, Unterlagen zum so genannten „Glasscherbenstreit“ sowie zum Rechtsstreit mit dem Religionsfonds nach erfolgter Aufhebung des Stiftes.

Im Jahr 1811 wurde der Glashütte durch Dr. Voith eine eigene Spiegelglashütte angeschlossen, weitere Betreiber der Hütte waren die Ehepaare Hauptmannsberger und Beck, später folgten der Grazer Steinkohlengewerke Faber, der Händler Preyßl sowie der Gutsbesitzer Steinauer beziehungsweise dessen Schwiegersohn Mulley, bis es im Jahr 1878 zur Einstellung des Glashüttenbetriebes kam.

Die ausreichende Versorgung der Glashütte mit den Rohstoffen Quarz, Holzkohle und Brennholz war für ihre Existenz wesentlich. Durch intensive Geländebegehungen des Verfassers wurden nicht nur unbekannte Quarzabbaustellen angetroffen, sondern auch mehrere so genannte Kohlstätten lokalisiert, die der Eigenversorgung der Hütte mit Holzkohle zur Gewinnung der Pottasche dienten.

Für die Rekonstruktion der ehemaligen Transportwege wurde die historische Karte der so genannten „St. Pauler Sagl Waldung“ herangezogen, die abgesehen von den Holzschlägen auch die so genannte „Glashüttenstraße“ verzeichnet, auf der man in mehrspännigen Fuhrwerken die Glaswaren und Spiegel aus dem Gebirge in das Lavanttal nach Ettendorf transportierte.

Die aufwendige technische Ausstattung der Spiegelglashütte veranschaulichen insbesondere zwei zeitgenössische Berichte, die von Budik (1839) beziehungsweise Puff (1849) verfasst wurden. Darin wird eindrucksvoll der Prozess der Spiegelherstellung durch Blasen, Schleifen und Belegen mit Stanniol und Amalgamierung mit Quecksilber geschildert.

Zur technischen Einrichtung der Spiegelglashütte gehörten demnach ein großer Spiegelglasofen, ein Temper- und Fritteofen sowie vier Strecköfen. Der aufwendige Prozess des Schleifens und Belegens der Spiegel hingegen wurde in eigenen Baulichkeiten, dem so genannten Schleiferei- und Beleggebäude, durchgeführt.

Ein Fabrikinventar aus dem Jahr 1840 führt, neben den zur Fabrik zählenden Gebäuden auch sämtliche technische Einrichtungen, Werkzeuge, Rohmaterialien sowie fertige auf Lager liegende Spiegeltafeln an.

Einblicke in die differenzierte Arbeitsweise der vielen Spezialisten, die in der Spiegelfabrik tätig waren, gewähren die Matriken (Kirchenbücher) der Pfarren Ettendorf und St. Jakob in der Soboth, wobei vom Spiegel- und Kreideglasmacher, Spiegelschleifer- und Polierer bis zum Strecker und Lehrer unterschiedlichste Berufsgruppen nachweisbar sind.

Die Spiegelfabrik St. Vinzenz unterhielt auch Handelsniederlassungen, wie beispielsweise in Graz, Brünn/Brno (Mähren) und Pest (Ungarn), wobei sich die Haupthandelsniederlassung in Wien im Haus des Deutschen Ordens befand, wo Spiegel in allen gangbaren Dimensionen sowohl in glatter als auch facettierter Ausführung inklusive der aufwendigen Rahmen feilgeboten wurden.

Zur Rekonstruktion der Absatzmärkte, insbesondere der Hohlglaswaren, steht ein Rechnungsbuch aus den Jahren 1874-1875 zur Verfügung. Die überwiegende Anzahl der Kunden stammte demnach aus dem heutigen Südtirol, Kärnten, der Lombardei, Venetien sowie Friaul-Julisch-Venetien, einige wenige aus der Steiermark, Ungarn sowie dem Osmanischen Reich.

Die in St. Vinzenz erzeugten Spiegel fanden auch Eingang in das damalige Ausstellungswesen der Monarchie, wie neueste Erkenntnisse aus den dazu veröffentlichten amtlichen Berichten zeigen, wobei die Erzeugnisse auf den Allgemeinen Österreichischen Gewerbsproduktenausstellungen in Wien im Jahr 1835 und 1839, den Österreichischen Industrieausstellungen in Klagenfurt (1838), Graz (1841) und Laibach/Ljubljana (1844) mit der Verleihung dementsprechender Medaillen gewürdigt wurden.

Als Reaktion auf die Erfolge bei den genannten Ausstellungen wurde Dr. Hauptmannsberger als Besitzer der k. k. privilegierten Spiegelfabriken zu St. Vinzenz und Viehofen in Niederösterreich im Jahr 1845 der Titel eines k. k. Hofspiegellieferanten verliehen, womit Spiegel aus St. Vinzenz am Wiener Kaiserhof Einzug hielten.

International wird der hohe Stellenwert der in St. Vinzenz erzeugten Spiegel dadurch verdeutlicht, dass sogar auf der Londoner Industrieausstellung des Jahres 1851, der ersten Weltausstellung, die Glashütte einen Spiegel mit einer Dimension von 84×42 Zoll (ca. 2,18×1,09 m) präsentierte, der im Gegensatz zu den damals gängigen Herstellungsverfahren nicht gegossen, sondern geblasen war.

Neusoboth

Die Glashütte Neusoboth, auch als Tafel- und Hohlglasfabrik Neusoboth bezeichnet, wurde durch Georg Voith um das Jahr 1795 in der Quellmulde des Skutnibachs, nordöstlich des Gradischkogels, gegründet. Bald darauf erfolgte der Verkauf an Dr. Voith, der allerdings über keine gültige Befugnis zum Betrieb der Glashütte verfügte. Zusätzlich tobte zwischen Voith und dem Eisenwerk in Krumbach ein jahrelanger Rechtsstreit über die Nutzung des Holzes aus den umliegenden Wäldern.

Weitere Betreiber der vereinigten Glashütten St. Vinzenz und Neusoboth waren Dr. Hauptmannsberger, der Schwiegersohn Voiths, Amalia von Beck, der Grazer Eisen- und Steinkohlengewerke Faber sowie Preißl als letzter Besitzer, der sich im Jahr 1858 gezwungen sah, den Betrieb der Hütte aufgrund wirtschaftlicher Probleme und der unzureichenden Versorgung mit Holz einzustellen.

Im Umfeld der Glashütte konnten historische Quarz- und Kalkabbaue sowie die Ruine eines Kalkbrennofens lokalisiert werden, deren wirtschaftliche Bedeutung in der Versorgung der Glashütte mit Rohstoffen zur Glasherstellung lag.

Die in der Glashütte tätigen Arbeitskräfte und Spezialisten ließen sich durch die Eintragungen in den Matriken der Pfarre St. Jakob in der Soboth zum Teil rekonstruieren, wie die Nennungen von zahlreichen Glasmachern, Schmelzern, Schleifern, Einbinderinnen sowie des Verwalters, veranschaulichen.

Henriettental

Die Glashütte Henriettental, benannt nach der Frau des Besitzers der Herrschaft Unterdrauburg/Dravograd, David Dumreicher, wurde im Jahr 1840 gegründet. Die Betriebszeit der Hütte währte nur kurz, denn im Jahr 1856 wurde die Glasproduktion bereits wiedereingestellt. Die öffentlich kundgemachten Verlautbarungen zu den Versteigerungen des Gutsbesitzes Unterdrauburg/Dravograd aus den Jahren 1853 und 1854, zu dem auch die Glashüttenliegenschaften zählten, stellen sich als wertvolle Beschreibungen zur Rekonstruktion der Hüttenimmobilien, der Waldverhältnisse sowie der technischen Ausstattung der Hütte dar.

Nach Grundlage dieser Quellen verfügte die Hütte neben einem gesonderten Direktionshaus auch über Wohnungen für die Fabrikarbeiter und die so genannte Rosshütte.

Die Versorgung der Glashütte mit ausreichend Holz war über eine 1126 Joch (ca. 642 Hektar) große Urwaldung im Höllgraben abgesichert. In der Hütte standen drei Öfen, die mit 16 Hafen (Schmelztiegeln) beschickt werden konnten.

Die jährliche Produktion der Hütte setzte sich aus je 10.000 Schock Tafel- und Hohlglas sowie 200 Zentner geschliffenem und gefärbtem Glas zusammen, wobei insbesondere die letzte Kategorie auf ein Produktionsspektrum mit Erzeugnissen von gehobener Qualität hinweist.

Im Zusammenhang mit der lokalen Rohstoffversorgung der Glashütte sind die im Gelände ausmachbaren Quarzabbaue, Kohlenmeiler sowie das historische Wegesystem anzuführen.

Die Matriken (Kirchenbücher) der Pfarren St. Johann am Kienberg/Ojstrica, Pernitzen/Pernice, St. Lorenzen am Lorenzerberg sowie St. Jakob in der Soboth erbrachten besonders viele Eintragungen zu spezialisierten Arbeitern der Glashütte, wie beispielsweise Tafelglasmacher, Glasschleifer, Kreideglasmacher und viele mehr.

Neue wirtschaftliche Bedingungen und Niedergang

Nachdem im ausgehenden 18. Jahrhundert der Holzmangel immer eklatanter wurde, machte ein vom Kaiserhof erteiltes Privileg den Glashüttenbetreibern die Verwendung von Steinkohle lukrativ. Eine der ersten Glashütten, die bereits im Jahr 1794 auf Holzfeuerung verzichtete und ihre Öfen mit Kohle beheizte, war die Agneshütte in der ehemaligen Untersteiermark, im heutigen Ort Liboje, Slowenien, gelegen.

Damit begann eine neue Ära, die sich auch auf die bis 1878 mit Holz befeuerten Glashütten der Soboth (St. Vinzenz) auswirkte, die der Konkurrenz nicht mehr gewachsen waren und nacheinander ihren Betrieb einstellten. Die Gründe dafür lagen nicht nur an den reichen Glanzkohlevorkommen des Eibiswalder-Reviers, die von der Glashütte Ferdinandstal bereits ab 1816 genutzt wurden, sondern ebenso an der neuen Verkehrssituation, die sich durch die Anbindung der Glasfabriken um Wies an das Eisenbahnnetz ergab. Auch löste der Wiener Börsenkrach von 1873 eine Finanzkrise aus, die zum Einbruch der Absatzmärkte und Exporte führte.

Text: Dr. Andreas Bernhard, Burgmuseum ArcheoNorico Deutschlandsberg, Burgplatz 2, 8530 Deutschlandsberg